Architektonische Stilepochen

Als erste Behausung nutzten die Menschen in der Vorzeit natürliche Höhlen. Mit immer besser werdenden Klimabedingungen verließen die Menschen der Jungsteinzeit ihre Höhlen und errichteten zeltähnliche Bauten in waldreichen Gebieten, die ausreichend Nahrung boten. Um sich vor Feinden zu verteidigen, wählte man für diese Siedlungen gut geschützte Plätze oder umgab sie mit primitiven Befestigungsanlagen aus Erde, Holz oder Stein. Zeitgleich entwickelte sich die sogenannte Megalithkultur, die wahrscheinlich einen rituellen oder religiösen Hintergrund hatte.

Während der Frühgeschichte erreichten die Völker im Mittelmeerraum beachtliche Erfolge auf dem Gebiet der Architektur. Vor allem die minoische Architektur war sehr innovativ. Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte wurden hier bereits im 2. Jahrtausend v.Chr. für den Bau von z.B. mehrstöckigen Gebäuden, Wasserleitungen, Abwasserkanälen und Belüftungsschächten komplizierte Techniken verwendet. Die mykenischen Baumeister konzentrierten sich dagegen verstärkt auf Verteidigungsmöglichkeiten und schufen erste Festungen mit Befestigungsmauern, die nicht selten ein Gewicht von 12 Tonnen erreichten.

Während der Antike entstand eine neue Form der Siedlung – ein Stadtstaat. Er besaß ein kompliziertes Netz aus Straßen und zeigte unterschiedliche Gebäudetypen: Tempel, Theater, Gymnasium u.a. Außerdem schufen die griechischen Architekten bedeutende zusammenhängende architektonische Kompositionen: dorische, ionische und korinthische Ordnungen, die von den Römern auf die toskanische und die komposite Ordnung erweitert wurden.

Nach dem Niedergang Roms übernahm Byzanz die führende Rolle in der europäischen Architektur. Im Mittelalter entstanden auf dem Gebiet des byzantinischen Reiches und im Kiewer Rus, auf dem Balkan, in Armenien und in Georgien zahlreiche Zentralbauten mit charakteristischen Kuppeln, die auch in Westeuropa (Pfalzkapelle in Aachen) während der Vorromanik nachgeahmt wurden.
In der Vorromanik beschäftigten sich die Architekten mit der Suche nach eigenen Formen der Baukunst ohne eine Verbindung zu den Errungenschaften der römischen Architektur zu knüpfen. Erst im 11. Jahrhundert wurden die Bauten Roms gründlich betrachtet. Daher stammt auch der Name für die neue Stilrichtung - Romanik. Die Architektur dieser Epoche (Abteikirche von Cluny in Frankreich, Dom zu Pisa in Italien, Windsor Castle in Großbritannien, Michaeliskirche in Hildesheim in Deutschland) zeigte sich vor allem im Kirchen- und Klosterbau, wobei die Kirchen auf Grund ihrer einflussreichen Stellung und Privilegien lange Zeit die Hauptauftraggeber für die Bautätigkeit waren. Der Bau von Burgen als Sitz des Adels erfolgte weniger auf Grund der gesellschaftlichen Stellung der Barone und Grafen, als vielmehr aus der Notwendigkeit, sich während der häufigen Kriege und Überfälle zu schützen.
Die Entwicklung der Architektur im 12. Jahrhundert bereitete den Boden für einen neuen Stil, der bald von Frankreich aus fast ganz Europa beherrschte - die Gotik (Notre-Dame von Paris, Dom zu Köln). In dieser Zeit rückte das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens in die Stadt. Das repräsentativste Gebäude war nicht mehr die Abteikirche, sondern die Kathedrale, die in allen wichtigen Städten errichtet wurde und noch heute oft die Hauptsehenswürdigkeit darstellt. Um den Gebäuden ein "modernes" Aussehen zu verleihen, wurden dabei oft die älteren Bauten zerstört oder bis zur Unkenntlichkeit umgebaut. Diese Modernität drückte sich zunächst hauptsächlich in den architektonischen Bauprinzipien aus. Später (Ende 14. / 15. Jahrhundert) wurde dem Innen- und Außenschmuck immer größere Bedeutung beigemessen. Skulpturen, Krabben, Wasserspeier usw. bildeten in der Flamboyant-Gotik ein umfassendes ornamentales System, das oft als gotisches Barock charakterisiert wird. Dies ermöglichte in der Architektur den Übergang zur Neuzeit.

Die Architektur der Renaissance wies die Rückkehr zu Bauprinzipien der klassischen Antike auf. Sie ist durch eine klare Trennung zwischen Architektur, Malerei und Bildhauerei charakterisiert. Seit dieser Epoche treten die Architekten nicht mehr als Handwerker, sondern als gesellschaftlich anerkannte Künstler auf, die durch ihre Tätigkeit relativ viel Geld verdienen konnten. Zuerst im 15. Jahrhundert in Florenz und später in fast ganz Europa setzte sich diese Bauweise durch. Klare Formen und ausgewogene Proportionen fanden schnell zahlreiche Anhänger. Jedoch entwickelten sich die architektonischen Errungenschaften während der Spätrenaissance zu einem strengen Regelwerk. Das Barock (Dresdner Frauenkirche, Pariser Invalidendom) war nicht zuletzt eine Gegenreaktion auf die Strenge der späten Renaissance. Nach Jahrzehnten antiker Ordnungen stürzten sich jene Architekten auf stark ausladende und schwülstige Formen, wo das Schöne mit dem Geschmacklosen Seite an Seite stand. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kehrte man mit dem Klassizismus zu den strengen Regeln in der architektonischen Gestaltung zurück. Die neue Architektur (Petit-Trianon in Versailles u.a.) bemühte sich um mehr Klarheit, Monumentalität und Harmonie. Der damals herrschende Klassizismus dauerte nicht lange. Am Anfang des 19. Jahrhunderts setzte sich der Historismus durch (Basilika Sacré Cœur Paris, Berliner Dom). Dieser Stil nahm Bezug auf die Architektur der Vergangenheit unter Verwendung moderner Bautechniken. Im 20. Jahrhundert spielten neue Bauverfahren und neue Materialien (Eisen, Glas, Beton) eine immer wichtigere Rolle in der Architektur der Moderne. Der Tour Eiffel und das Centre G. Pompidou in Paris, die Londoner City Hall, das Vitra Design Museum in Weil am Rhein (Deutschland) zeigen diese Entwicklung auf.