Architektur der Vorzeit

Die natürlichen Höhlen dienten in der vorgeschichtlichen Zeit zuerst als Zufluchtsort und später als erste Behausung für den Menschen. Die älteste Höhle wurde vor 450000 Jahren besiedelt. Die Bewohner der Caune de l'Arago in Frankreich kannten noch kein Feuer und die Höhle bot ihnen Schutz vor Wind, Kälte und wilden Tieren. Nach und nach gestalteten die Bewohner die Höhlen nach ihren Bedürfnissen um. Der Boden wurde geebnet, ein Windschutz vor dem Eingang errichtet und Feuerstellen angelegt. Höhlen an wärmeren Südhängen wurden bevorzugt als Unterkunft genutzt (Grotte de Limousis und Grotte de Clamouse in Frankreich, Neandertal in Deutschland, Matala auf Kreta, Tschufut Kale in der Ukraine, Szeletahöhle in Ungarn), an Nordhängen liegende Höhlen waren Vorratskammern (Grotte de L'Aguzou in Frankreich). Spätere Besiedlungen tragen sogar Spuren ästhetischer Gestaltung (Ignatjewka in Russland). Berühmt sind die Wandmalereien in der Lascaux-Höhle und in der Höhle Arcy-sur-Cure in Frankreich, sowie in der Höhle Altamira in Spanien.

Mit immer besser werdenden Klimabedingungen verließen die Menschen der Jungsteinzeit ihre Höhlen und errichteten zeltähnliche Bauten in waldreichen Gebieten, die ausreichend Nahrung boten. Diese Zelte bestanden aus Holzstangen oder Tierknochen, die eine Rauchöffnung frei ließen und mit Blättern oder später mit zusammengenähten Tierhäuten bedeckt waren (Meschyritsch in der Ukraine, Bilzingsleben in Deutschland). In kälteren Regionen verwendete man für die Bauten Sandsteine, wie zum Beispiel Knap of Howar auf der Insel Papa Westray oder Skara Brae auf der Insel Mainland in Schottland.

Zeitgleich entwickelte sich die sogenannte Megalithkultur, die imposante Anlagen aus Stein hervor brachte. Vor allem Menhire - bis zu 20 Meter hohe Langsteine, die am Anfang ein Phallussymbol darstellten und später eine weibliche Gestalt oder Form andeuteten. Sie wurden meist einzeln (Locmariaquer in Frankreich, Pierre Brunehaut in Belgien), in Reihen (Carnac in Frankreich) oder in Kreisen (Avebury in England, Beaghmore in Nordirland, Goseck in Deutschland) aufgestellt. Außerdem findet man Dolmen, die die Form eines Tisches aufwiesen (Knocknakilla in Irland, Axeitos in Spanien, Großsteingräber von Rerik in Deutschland, La Pierre de la Fée bei Draguignan in Frankreich). Besonders beeindruckend sind die Megalithkomplexe, die später die Bezeichnung Tempel erhielten. Die ältesten Bauten dieser Konstruktion Ggantija befinden sich auf der Insel Gozo. Weitere Beispiele neolitischer Tempel sind Stonehenge in England, Callanish in Schottland, Mnajdra auf Malta. Es wurden ebenfalls Gräber errichtet, die eine komplexe Konstruktion aufweisen (Barnenez und Cairn du Petit Mont in Frankreich, Alcalar in Portugal, Dowth und Newgrange in Irland).

Während der Jungsteinzeit wurde die Behausung durch die veränderten Lebensbedingungen weiterentwickelt. Die sesshaft gewordenen Menschen betrieben Viehzucht und Ackerbau und benötigten daher eine stabile und größere Konstruktion, um ihr Vieh im harten Winter unterzustellen und Vorräte lagern zu können. Durch das Ausheben von Erde gewann man zusätzlichen Raum. Um diese Konstruktion zu stabilisieren wurden im Inneren Pfosten aufgestellt. Die Verwendung von Pfosten erlaubte es, die Konstruktion hochzuheben und Raum über der Erde zu gewinnen. Der Zwischenraum zwischen der Erde und dem nun neu entwickelten Dach wurde zunächst mit Steinen und später mit Holz gestaltet. Ein weiteres grundlegendes Element der Architektur war geboren - die Wand. Dieses sogenannte Pfostenhaus wurde vor allem in Zentral- und Westeuropa verwendet. In wasserreichen Gebieten in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Frankreich errichtete man Häuser an Seen oder Flüssen auf Pfählen, um sich vor Angreifern zu schützen. In wasserarmen Gebieten benötigte man Schutzwälle, die aus aufeinandergeschichteten unbearbeiteten Steinen oder Erde bestanden (Maiden Castle in England u.a.). Nach Tausenden von Jahren sind heute von den steinzeitlichen Siedlungen leider nur Fragmente erhalten geblieben. Auch die Bauten der Frühgeschichte blieben bis ins 20. Jahrhundert weitgehend unter einer meterdicken Schicht Erde verborgen. Erst im Jahre 1900 entdeckte der britische Archäologe Sir Arthur Evans die Reste des Palastes von Knossos. Nach dieser Entdeckung wurden zahlreiche weitere Bauten aus dieser Epoche zu Tage gebracht.