Bulgarien: Kultur

Auf dem Gebiet des heutigen Bulgariens sind zahlreiche Beispiele der vorgeschichtlichen Kunst erhalten geblieben. Es sind vor allem Gebrauchsgegenstände aus Keramik, kleine Plastiken mit Darstellungen von Tieren und Menschen, sowie mehrere Dolmen und Gräber. An der Schwarzmeerküste zeugen Reste antiker Siedlungen von der hochentwickelten Architektur der Thrakier (Starosel, Perperikon, Seuthopolis), Griechen (Apollonia, Pistiros, Parthenopolis) und Römer (Abrittus, Chisarja, Nicopolis ad Istrum). Während der byzantinischen Herrschaft beginnt der Bau christlicher Kirchen (Sofia, Nessebar und Peruschtiza). Mit der Gründung des Ersten Bulgarischen Reiches entwickelte sich eine eigenständige Architektur, die auf den Errungenschaften vergangener Zeiten, sowie auf den kulturellen Traditionen der Slawen und Protobulgaren basierte (Zarenpaläste in Pliska und Weliki Preslaw). Aus der gleichen Epoche stammt das erste monumentale Relief in Bulgarien – der Reiter von Madara, der sich an einer steilen Klippe in einer Höhe von über 20 Metern befindet. Die sakrale Architektur orientierte sich weiterhin an byzantinischen Vorbildern und zeichnete sich durch farbenprächtige Dekorationen aus (alte Basilika in Pliska, Goldene Kirche in Weliki Preslaw). In der Zeit der byzantinischen Herrschaft wurden überwiegend Festungen und Burgen gebaut (Festung Baba Wida in Widin, Festung Asenow bei Asenowgrad). Die Architektur des Zweiten Bulgarischen Reiches hinterließ kleinere Kirchenbauten, die sich jedoch durch ihre elegante Dekoration auszeichnen (Weliko Tarnowo, Nessebar). Die Besatzung Bulgariens durch das Osmanische Imperium bremste die Entwicklung der Architektur. Wenn die Türken auf bulgarischem Gebiet zahlreiche Moscheen, Bäder und Brücken errichteten (Sofia, Kjustendil), zeigte sich die nationale Architektur überwiegend in ländlichen Gebieten mit dem Bau kleiner einschiffiger Kirchen. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzte die bulgarische Wiedergeburt praktisch in allen kulturellen Gebieten ein. Neben der Weiterentwicklung der sakralen Baukunst (Rila-Kloster) wurden auch profane Gebäude verstärkt gebaut (Uhrentürme, Gasthöfe, Brücken...). In dieser Zeit bildete sich die nationale Wohnhausarchitektur mit einem steinernen Erdgeschoss und einer Fachwerkkonstruktion des ersten Stockwerkes mit Galerien, Erkern und Balkonen. Oft wurden die Häuser mit Wandmalereien und Holzschnitzereien reicht dekoriert. Nach der Befreiung Bulgariens erlebte das Land eine explosive Entwicklung des Städtebaus. Enge mittelalterliche Gassen in Sofia, Warna, Plowdiw wurden zum Teil durch ein Netz rechtwinkliger breiter Strassen ersetzt. In der bulgarischen Hauptstadt wurde eine Reihe öffentlicher Gebäude errichtet: Nationalversammlung, Nationaltheater und die Alexander-Newski-Kathedrale, die gleichzeitig als Sitz des Patriarchen der Bulgarisch-Orthodoxen Kirche und als Denkmal für die im Russisch-Türkischen Krieg gefallenen russischen Soldaten dient. In der Architektur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Einflüsse von Historismus, Funktionalismus und Konstruktivismus spürbar (Innenministerium in Sofia). Nach dem zweiten Weltkrieg wurden viele Plätze erweitert und die Fassaden repräsentativer Gebäude in neoklassizistischem Stil gestaltet. Öffentliche Gebäude- und Sportkomplexe spiegeln die sozialistische Tendenzen mit ihren einfachen und funktionalen Formen (Nationalbibliothek in Plowdiw, Fernsehturm in Sofia).
 
Die Entstehung der bulgarischen Malerei geht auf die Zeit des Ersten Bulgarischen Reiches zurück. Sie konnte jedoch auf die reichen Traditionen der antiken Thrakier und Römer, sowie auf die Errungenschaften der byzantinischen Kunst zurückgreifen. Die ersten bedeutenden Zeugnisse dieses Genres waren Wandmalereien (Kirche von Bojana) und Buchminiaturen (Chronik von Konstantin Manassie). Seit dem 13. und 14. Jahrhundert ist Bulgarien für seine Ikonenmalerei bekannt. Besonders berühmt war die Malschule von Weliko Tarnowo. Während der Besatzung Bulgariens durch das Osmanische Reich begrenzte sich das künstlerische Schaffen auf die Dekoration von Gebrauchsgegenständen. Nach der Befreiung erblühte die Ikonenmalerei von Neuem. Herausragend war die Kunstschule von Samokow mit den Brüdern Sachari und Dimitar Christow. Die nächste Generation bulgarischer Maler widmete sich zunehmend weltlichen Themen, wie zum Beispiel dem realistischen Portrait (Stanislaw Dospewski) oder den Genrebildern (Nikola Obrasopisow). Im 20. Jahrhundert drangen verschiedene europäische Strömungen nach Bulgarien: Symbolismus, Jugendstil, Expressionismus (Jules Pascin, Iwan Milew u.a.). Ein berühmter Aktionskünstler ist der in Bulgarien geborene Christo.
 
Die Literatur Bulgariens ist eine der ältesten in der slawischen Kultur. Sie entstand in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts und behandelte überwiegend religiöse Themen. Zu den wichtigsten Literaten dieser Zeit zählen Clemens von Ohrid, Naum von Preslaw, Johannes Exarch und Mönch Chrabr. Mitte des 12. Jahrhunderts konzentrierte sich das literarische Schaffen in Tarnowo. Unter dem Einfluss der byzantinischen Kultur wurden weitere religiöse Werke aus dem Griechischen übersetzt oder geschrieben. Neu hinzu kamen geschichtliche Themen und Chroniken (Theodosios von Tarnowo, Patriarch Euthymios, Grigorij Camblak). Nach der Eroberung Bulgariens durch das Osmanische Imperium flohen viele Gelehrte aus dem Lande und schwächten damit die literarische Entwicklung, die durch Volkslieder und –dichtung jedoch weiterhin Bestand hatte. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entfachten die nationalen Befreiungsbestrebungen gegen die Eroberer, wobei die Literatur eine nicht unwesentliche Rolle bei der Verbreitung der freiheitlichen Gedanken hatte (Païssi von Hilandar, Christo Botew und Ljuben Karawelow). Nach der Befreiung im Jahre 1878 erblühte das literarische Schaffen in Bulgarien. Zunächst bearbeiteten die bulgarischen Schriftsteller (Iwan Wasow, Petko Slawejkow) die Zeit der Besatzung, später widmeten sie sich den stilistischen Aspekten der Literatur. Die bedeutendsten Stilrichtungen dieser Zeit waren der Symbolismus (Pejo Jaworow), der Impressionismus (Geo Milew) und später der Realismus (Dimiter Iwanow, Jordan Jowkow). Nach dem zweiten Weltkrieg befürwortete die Kommunistische Partei den sozialistischen Realismus. Viele bulgarische Schriftsteller bereicherten jedoch diesen Stil durch ihre persönliche Note, wie zum Beispiel Dimitar Dimow, Jordan Raditschkow und Elias Canetti.
 
Die bulgarische Musik ist durch osteuropäische und türkische Einflüsse geprägt. Diese Einzigartigkeit zeigt sich in der Volksmusik und im traditionellen Chorgesang. Im 20. Jahrhundert erlangen viele bulgarische Sänger Weltruhm, wie zum Beispiel der Tenor Ari Leschnikow als Mitglied der Comedian Harmonists oder die Opernsänger Boris Christow und Wesselina Kassarowa.

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