Estland: Kultur

Die estnische Kultur formierte sich unter starken skandinavischen und deutschen Einflüssen. Ebenfalls eine große Rolle spielte die Nähe zu Sankt Petersburg. Auf Grund der historischen Besonderheiten entwickelte sich die eigenständige estnische Kultur relativ spät. Abgesehen von einigen Übersetzungen religiöser Texte aus dem 16. und 17. Jahrhundert, etablierte sich die Literatur in Estland erst im 19. Jahrhundert mit der Erscheinung des Nationalepos Kalevipoeg, das auf Volkssagen und traditionellen Liedern basiert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trat die Dichtung (Lydia Koidula, Ado Reinvald, Mihkel Weske) in Erscheinung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gründete sich die literarische Bewegung Junges Estland, deren Mitglieder Gustav Suits, Friedebert Tuglas und Villem Grünthal-Ridala eine Annäherung zur westeuropäischen Kultur voran trieben. Die estnische Prosa erreichte europaweite Anerkennung mit dem epischen Roman Wahrheit und Gerechtigkeit von Anton Hansen Tammsaare. Zu den wohl bekanntesten estnischen Schriftstellern zählen Jaan Kross, Artur Alliksaar, Ain Kaalep und Jaan Kaplinski.
 
Die Entstehung der estnischen Musik geht auf das 19. Jahrhundert zurück, jedoch hatte die Volkskunst auf diesem Gebiet bereits eine lange Tradition. Vor allem der Chorgesang genoss hohe Anerkennung in Estland. Eine professionelle Basis für dieses Genre schuf Aleksander Kunileid in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Einen besonderen Beitrag für die Entwicklung der Chormusik leistete der Organist Rudolf Tobias, der auch Kantaten und das Oratorium Des Jona Sendung schrieb. Die Entstehung von 200 Chorwerken verdankt man der estnischen Komponistin Miina Härma. Bekannt wurde auch Artur Lemba als Komponist der ersten nationalen Oper. Unter den zeitgenössischen Musikern sind vor allem Arvo Pärt, Eduard Tubin und Veljo Tormis berühmt.
 
Die Malerei in Estland entstand ebenfalls im 19. Jahrhundert. Als Begründer wird der Maler Johann Köler angesehen. Ebenfalls bekannt war Ants Laikmaa, der nach seinem Studium in Düsseldorf eine Schule für Bildende Kunst in Tallinn gründete. Die erste Hochschule für Bildende Kunst entstand im Jahre 1919 in Tartu.
 
Die traditionelle Architektur Estlands verwendete Holz als Baustoff, daher blieben nur wenige Bauwerke erhalten. Die ältesten erhaltenen Gebäude wurde im Süden des Landes im 13. / 14. Jahrhundert durch die Ritter des Deutschen Ordens errichtet. Ihre Ordensburgen stellen eine originelle Kombination aus einem Kloster und einer Wehrburg dar: Burg Wesenberg in Rakvere, Maasilinn in Masick, sowie die Burg in Tarwast. Im Hochmittelalter dominierte die Gotik die Zivil- und Sakralarchitektur (Rathaus in Tallinn, Johanniskirche in Tartu, Nikolaikirche in Tallinn). In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erblühte das Barock (Schloss Katharinental in Tallinn), das bald durch den Klassizismus abgelöst wurde (Rathaus in Narwa). Im 19. Jahrhundert beherrschte der Historismus die Architekturentwicklung in Estland. Besonders verbreitet war die Neugotik. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trat der Jugendstil in Erscheinung (Nationaloper in Tallinn). In den 30-er Jahren zeichnete sich die estnische Architektur durch den Funktionalismus aus. Zu den berühmtesten Architekten dieses Stils zählen Alar Kotli, Olev Siinmaa und Eugen Habermann.

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