Lettland: Kultur

Die Kultur Lettlands formierte sich auf Grund der jahrhundertlangen ausländischen Herrschaft relativ spät. Das erste schriftliche Denkmal ist die Übersetzung des Gebets Vater Unser aus dem Jahre 1525, das als Geburtsjahr der lettischen Literatur gilt. Später folgten Übersetzungen von Psalmen und der gesamten Bibel (Johann Ernst Glück) ins Lettische. Die weltliche Literatur entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der deutsche Pastor Gotthard Friedrich Stender verfasste für seine Gemeinde Märchen, Lieder und Gedichte, die sich rasch im ganzen Land verbreiteten. Außerdem schrieb er erste wissenschaftliche Arbeiten über Wortschatz und Grammatik der lettischen Sprache. Sein Werk setzte u.a. sein Sohn Alexander Johann fort. Neben Märchen und Liedern schrieb er das erste lettische Theaterstück, das Lustspiel von einem Bauern, der zum Gutsbesitzer verwandelt wurde. Bis zu dieser Zeit spielten die deutschen Pastoren und Schriftsteller eine führende Rolle in der lettischen Literatur. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine nationale Bewegung, die zunächst auf Übersetzungen und Ausgaben der umfangreichen lettischen Volksdichtung basierte. Einen besonderen Beitrag auf diesem Gebiet leisteten Krisjanis Barons und Juris Alunans. Später entstanden originelle Werke mit nationalistisch-romantischen Dichtungen (Auseklis, Andrejs Pumpurs). In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkte der Dichter, Schriftsteller und Politiker Rainis, der in seinen Werken seine nationalistischen Ideen mit Hilfe volkstümlicher Metaphern und Symbolen einfließen ließ. Ein produktiver Schriftsteller war Andrejs Upits, der mehrere Romane, Erzählungen und Dramen geschrieben hat.
 
Die lettische Musik entwickelte sich im Mittelalter aus der Volkskunst der baltischen Völker. Das Herzstück der Volksmusik bildeten rituelle Lieder und Tänze. Praktisch zu jedem Anlass gab es eine Auswahl an Liedern. Sie wurden mündlich überliefert, bis sie im 19. Jahrhundert niedergeschrieben wurden. Parallel zur Volksmusik existierte die kirchliche Musik, die durch die Christianisierung Lettlands im 12. Jahrhundert und die Präsenz der Deutschen Ritterorden durch die westeuropäische Kultur beeinflusst wurde. Die Bindung an die westeuropäische Musik dauerte bis ins 19. Jahrhundert, als die Entstehung einer nationalen Schule begann. Die ersten lettischen Komponisten waren Karlis Baumanis (Autor der lettischen Nationalhymne) und Janis Cimze, der als Begründer der lettischen Chortradition gilt. Bedeutende klassische Komponisten des 20. Jahrhunderts waren Janis Ivanovs und Adolfs Skulte. Eine außergewöhnliche Popularität erlangte Raimonds Pauls mit seinen Liedern, die von zahlreichen Popikonen der Sowjetunion gesungen wurden.
 
Die Malerei Lettlands war zunächst eng an der russischen Kunst orientiert. Viele lettische Maler studierten in Sankt Petersburg oder Moskau und übernahmen die Techniken der russischen Portrait- und Landschaftsmalerei. Erst im späten 19. Jahrhundert begann mit Janis Rozentals die eigenständige Entwicklung der lettischen Malerei. Weitere bedeutende Maler des Landes waren Vilhelms Purvitis, Julijs Feders und Voldemar Matvejs.
 
Die traditionelle Architektur Lettlands verwendete Holz als Baustoff, daher blieben nur wenige Bauwerke erhalten. Nach der Christianisierung des Landes im 12. Jahrhundert errichtete man zunehmend Gebäude aus Stein, überwiegend Kirchen (Uexküll) und Burgen (Turaida, Wenden, Sigulda). Mit der Intensivierung der Beziehungen mit der Hanse erlebte Lettland einen wirtschaftlichen Aufschwung, der mit einer regen Bautätigkeit verbunden war. Imposante Bauwerke wurden in dieser Epoche im gotischen Stil errichtet, wie zum Beispiel das Nordportal des Doms zu Riga, die Petrikirche in Riga und die Johanneskirche in Wenden. Während der Renaissance entwickelte sich vor allem die Profanarchitektur: Stadtpaläste, Rathäuser, Wohngebäude (Häuserensemble „Drei Brüder“ in Riga). Die Barockarchitektur zeichnet sich durch Dynamik und Prunk aus (Schloss von Ruhenthal, St. Annakirche in Libau). Der nachfolgende Klassizismus zeigt strenge und ausgewogene Formen (Säulensaal im Museum der Geschichte Rigas und der Seefahrt). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbreitete sich der elegante Jugendstil, der in Lettland charakteristische romantische Züge aufweist, der besonders gut in Riga zu sehen ist.

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