Niederlande: Kultur

Die Niederlande standen in der Antike unter dem Einfluss der hochentwickelten Kultur des Römischen Imperiums. Auf die Römerzeit gehen die Städte Utrecht, Nimwegen und Maastricht zurück. In einigen Gemeinden (Alphen aan den Rijn, Vechten, Heerlen, Woerden u.a.) sind noch heute die Spuren der römischen Zivilisation sichtbar. Jedoch erblühte die Architektur erst im 10. Jahrhundert, als auf Grund der regen Handelsverbindungen mit Frankreich und Deutschland die Baukunst der Romanik (Servatiuskirche und Liebfrauenkirche in Maastricht) in die Niederlande Einzug hielt. Seit dem 13. Jahrhundert ist der Einfluss der nordfranzösischen Gotik bemerkbar. Genauso wie in Frankreich werden die im 12. Jahrhundert begonnenen Kathedralen in gotischem Stil weitergebaut oder mit gotischen Elementen verziert. Die Kathedralen von Utrecht und Hertogenbosch gelten als hervorragende Zeugnisse der niederländischen Gotik. Die Architektur der Renaissance zeigte sich neben einigen Kirchen (Zuiderkerk in Amsterdam) vor allem in Profanbauten, wie z.B. die Fleischhalle in Haarlem. Im 17. Jahrhundert beherrschte die klassizistische Architektur die Bauformen:

  • das Lustschloss Huis ten Bosch, das heute als Residenz von Königin Beatrix dient und das Mauritshuis in Den Haag,
  • das ehemalige Rathaus in Amsterdam (heute Königspalast)
  • der Neue Turm in Kampen u.a.

Im 19. Jahrhundert wurden im Stil des Historismus z.B. das Rijksmuseum und der Hauptbahnhof in Amsterdam erbaut. Den Übergang zu Moderne stellt der Architekt Hendrik Petrus Berlage mit seinen Bauwerken (die Amsterdamer Börse, das Jagdhaus St. Hubertus in der Gemeinde Apeldoorn, das Gemeindemuseum in Den Haag) dar. Zwei wichtige Gruppen bestimmten die Architektur des frühen 20. Jahrhunderts: die Amsterdamer Schule mit den Architekten Michel de Klerk, Johan van der Mey und Piet Kramer (Scheepvaarthuis und Het Schip in Amsterdam, Bijenkorf in Den Haag) und die Stijl-Gruppe mit den Architekten Theo van Doesburg, J. J. P. Oud, Gerrit Rietveld und Jan Wils. Noch heute leisten die niederländischen Architekten (Rem Koolhaas, Erick van Egeraat, Winy Maas u.a.) einen bedeutenden Beitrag zur europäischen Architektur.
 
Die niederländische Malerei entwickelte sich im 15. Jahrhundert aus der Buchmalerei, als deren wichtigste Vertreter die Brüder von Limburg gelten. Bereits in ihren Illustrationen verwendeten sie eine räumliche Tiefe und ausgewogene Komposition, die für die gesamte altniederländische Malerei (Robert Campin, Jan van Eyck, Dieric Bouts, Hugo van der Goes, Pieter Bruegel der Ältere) prägend war. Zeitgleich wirkte Hieronymus Bosch, dessen Werke jedoch auf Grund der auffälligen Umsetzung religiöser Themen eine besondere Stellung einnehmen. Die Söhne von Pieter Bruegel dem Älteren (Pieter Bruegel der Jüngere und Jan Bruegel der Ältere) und Hendrik Goltzius vereinten die Traditionen der altniederländischen Malerei mit Renaissance-Strömungen aus Italien. Ihre Blütezeit erreichte die niederländische Malerei im 17. Jahrhundert. Diese Epoche brachte eine Spezialisierung der Maler in einem bestimmten Genre hervor:

  • Landschaftsmalerei (Jan van Goyen, Aelbert Jacobszoon Cuyp, Salomon van Ruysdael),
  • Genremalerei (Jan Vermeer, Pieter de Hooch, Adriaen van Ostade, Gerard Dou),
  • Stillleben (Willem Kalf, Willem van Aelst, Jan Davidszoon de Heem),
  • Portraitmalerei (Frans Hals, Jacob Adriaenszoon Backer, Rembrandt).

Der bedeutendste Maler des 17. Jahrhunderts war zweifellos Rembrandt van Rijn, der durch seine Gruppenportraits (Die Nachtwache, Das Gastmahl des Belsazar, Die Anatomie des Dr. Tulp) bekannt ist, malte jedoch mit viel Talent auch in anderen Genres, wie zum Beispiel Portraitmalerei (Selbstporträt, Selbstbildnis als Zeuxis, Porträt des Jan Six, Saskia als Flora), Landschaftsmalerei (Landschaft mit Obelisk, Stadt auf einem Hügel bei stürmischem Wetter, Landschaft mit Steinbrücke), Historienmalerei (Prophet Bileam und die Eselin, Raub der Proserpina, Steinigung des Hl. Stepahnus)... Im 18. Jahrhundert löste die Romantik (Andreas Schelfhout, Barend Cornelis Koekkoek) den streng akademischen Klassizismus (Adriaen van der Werff) ab. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hielt der Impressionismus mit Johan Barthold Jongkind und George Hendrik Breitner Einzug in Holland. Obwohl der Impressionismus nur von kurzer Dauer war, übte er doch einen enormen Einfluss auf die gesamte moderne Malerei aus: Postimpressionismus mit Vincent van Gogh, Jugendstil mit Jan Thorn Prikker, Symbolismus mit Jan Toorop, Konstruktivismus mit Piet Mondrian und Theo van Doesburg, abstrakter Expressionismus mit Karel Appel...
 
Die niederländische Literatur des Mittelalters fügt sich in die Tradition der westeuropäischen Literatur ein. Zu den bekanntesten Autoren des 12. Jahrhunderts zählt Heinrich von Veldeke, der neben der Servatius-Legende und dem Äneasroman zahlreiche Minnelieder verfasste. Das 13. Jahrhundert zeichnete sich durch Ritterromane (Jacob van Maerlant) und eine wachsende Bedeutung der Lyrik (Hadewych) aus. Mit dem Werk Van den vos Reynaerde (Reineke Fuchs) griffen die Niederländer eine in ganz Europa verbreitete Tiergeschichte auf. Nachdem die Niederlande Ende des 14. Jahrhunderts an Burgund fielen, litt einerseits die niederländische Literatur unter der nun dominierenden französischen Sprache, andererseits förderten die Burgunder die Künste in ihren Gebieten, so dass der Stellenwert der Literatur in der Gesellschaft anwuchs. In mehreren Städten (Amsterdam, Haarlem, Leiden) bildeten sich sogenannte Redekammern, denen sowohl Personen aus dem Bürgertum, als auch aus dem Adel beitraten. Die Mitglieder dieser Kammern, die Rederijkers, schrieben Gedichte, Dramen und Lustspiele, die den strengen formalen Regeln der Dichtkunst unterlagen. Anfang des 16. Jahrhunderts hielt der Humanismus Einzug in die Niederlande. Der bedeutendste Vertreter dieser Epoche war Erasmus von Rotterdam, der während und nach seinen Reisen in Italien, der Schweiz und England zahlreiche religiöse, pädagogische und philosophische Texte verfasste. Die Renaissance in den Niederlanden gilt als das Goldene Zeitalter der Literatur. Nach der Gründung der Republik der Vereinigten Niederlande erreichte das literarische Schaffen mit Joost van den Vondel, Gerbrand A. Bredero und Pieter Corneliszoon Hooft seinen Höhepunkt. Ihre Werke hatten nachhaltige Wirkung auch während des Klassizismus des frühen 18. Jahrhunderts. Besonders sichtbar wird dies bei dem Komödiendichter Pieter Langendijk. Das Zeitalter der Aufklärung zeichnete sich durch didaktische Tendenzen in empfindsamen Romanen und Gedichten (Rhijnvis Feith, Betje Wolff-Bekker, Aagje Deken) aus. Bereits im Werk von Rhijnvis Feith und Willem Bilderdijk sieht man romantische Ansätze, die die Schriftsteller Everhardus Johannes Potgieters, Jacob van Lennep, Nicolaas Beets und Eduard Douwes Dekker zur Blüte brachten. In den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts öffnete sich mit Willem Kloos, Frederik van Eeden und Lodewijk van Deyssel die Literatur für zeitgenössische europäische Strömungen. Diese Tendenz ist ebenfalls für die gesamte niederländische Literatur des 20. Jahrhunderts bezeichnend. So ist Lucebert dem europäischen Surrealismus verbunden, bei den Werken von Simon Vestdijk sind die Einflüsse von Joyce, Sartre und Kafka klar zu spüren, Maarten 't Hart führt die Tradition des europäischen Realismus weiter...
 
Bereits im Mittelalter existierte auf dem Gebiet der heutigen Niederlande die musikalische Tradition der Minnesänger. Zur Zeit der burgundischen Herrschaft entstanden am herzoglichen Hof mehrstimmige Kompositionen. Diese Art von Musik setzte sich auch im 16. und 17. Jahrhundert fort, wobei Jan Pieterszoon Sweelinck mit seinen Orgelkompositionen einen großen Einfluss auf die nordeuropäische Musiklandschaft ausübte. In der nachfolgenden Epoche trat das Musikleben in den Hintergrund. Erst im 19. Jahrhundert zog die niederländische Musik mit Carel Anton Fodor wieder Aufmerksamkeit auf sich. Johan Wagenaar komponierte Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche klassische Werke, darunter bedeutende Opern und Orchesterwerke. Im 20. Jahrhundert hielt mit Willem Pijper und Henk Badings die Moderne Musik Einzug in Holland. In neuerer Zeit gewannen Rockbands wie Golden Earring oder Ekseption weltweite Popularität. Der Liedermacher Herman van Veen und die Saxophonistin Candy Dulfer sind weitere Beispiele für großartige niederländische Musiker.