Norwegen: Kultur

Die frühesten Zeugnisse der norwegischen Kunst (Felsritzungen in Alta, Grabhügel in Avaldsnes oder auf der Insel Gurskøya, Menhire auf der Insel Nord-Hidle) stammen aus der Vorgeschichte. Mitte des 1. Jahrtausends brachten die Germanen den Tierstil nach Norwegen. Diese Tierdarstellungen dienten der Verzierung von Waffen und Haushaltsgegenständen, sowie als Schmuck. Einen bedeutenden Schritt in der Kunstentwicklung machte Norwegen während der Wikingerzeit. Der Tierstil wurde weiterentwickelt und es entstanden außerdem komplexe Flechtmuster, sowie Menschendarstellungen (Schnitzereien und Beigaben des Schiffsgrabes von Oseberg aus dem 9. Jahrhundert).

In der Architektur verwendete man überwiegend Holz als Baumaterial. Im 11. Jahrhundert gelang die Ausarbeitung einer originellen Bauweise, dem Stabbau, mit Verwendung von senkrecht gestellten Pfosten und mehrstufigen Dächern. Nach den ersten Erfahrungen im Wohnbau, wurde dieser Stil auch für den Kirchenbau verwendet. Die berühmtesten Stabkirchen finden sich in Urnes und Borgund. Die Steinarchitektur Norwegens wurde durch die englische Romanik (Kathedrale von Stavanger, Kirche von Hove) und Gotik (Nidarosdom in Trondheim, Håkonshalle in Bergen) beeinflusst. Eine besondere Rolle spielten im Hochmittelalter die Befestigungsanlagen (Festungen Akershus in Oslo und Bergenhus in Bergen). In den Zeiten der Kalmarer Union stockte die kulturelle Entwicklung des Landes. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts blühte die Bautätigkeit wieder auf. Es wurden Elemente der Renaissance bei Umbauten (Festung Akershus in Oslo, Rosenkranzturm des Bergenhus in Bergen) oder neuen Bauvorhaben (Kathedrale von Oslo) integriert. Im 18. Jahrhundert entwickelten sich Barock und Rokoko, die am Ende des Jahrhunderts in den frühen Klassizismus übergingen. Eine Besonderheit der norwegischen Architektur dieser Epoche bestand in der Beibehaltung der traditionellen Dachformen und Holzgalerien. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert etablierte sich der Klassizismus in seiner reinen Form (Schloss und Universität in Oslo), an den sich der Historismus (Neuromanik und Neugotik) anschloss. In der Außenausstattung erfuhr der norwegische Drachenstil (Holm Munthe und Ove Bang) große Aufmerksamkeit, bei dem als dekoratives Element Drachen und Schlangen verwendet wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts vermischte sich der Historismus mit modernen Strömungen wie Arts and Crafts und Jugendstil. Der darauf folgende Funktionalismus wurde von den Architekten Nicolai Sivert Beer, Arne Korsmo, Lars Backer u.a. vertreten. Nach dem 2. Weltkrieg setzte eine rege Bautätigkeit in Norwegen ein, die neben rein funktionellen Bauten auch originelle Häuser nach traditioneller Bauweise beinhaltete (Hotels, Villen usw.). In den 60-er Jahren entwickelte sich der Brutalismus (Kjell Lund, Nils Slaatto).
 
Die Malerei Norwegens entwickelte sich bis zum 18. Jahrhundert als dekorative Kunst. Im 13. / 14. Jahrhundert diente sie der Bemalung von Kirchendecken, der Verschönerung von Büchern und während des Barocks und Rokokos zum Innendekor von Privatpalästen. Der erste bedeutende norwegische Maler J. C. C. Dahl war ursprünglich auch Dekorationsmaler, ließ sich jedoch zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Landschaftsmaler ausbilden. Seine romantisch-emotionalen Landschaften zeigen Züge des Realismus, der auch die Werke des Landschaftsmalers Hans Fredrik Gude und vor allem die des Genremalers Adolph Tidemand prägte. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bereicherte sich die norwegische Malerei durch Kontakte zu Frankreich und Deutschland. Die Techniken der Pleinairmalerei und des Impressionismus sind in den Bildern von Erik Werenskiold, Hans Heyerdahl, Eilif Peterssen und Harriet Backer sichtbar. Vom Impressionismus und Symbolismus beeinflusst, entwickelte Edvard Munch einen eigenen Stil, der den europäischen Expressionismus vorbereitete. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielte die monumentale Malerei eine bedeutende Rolle (Alf Rolfsen, Per Krohg, Reidar Aulie). Nach dem 2. Weltkrieg drangen die unterschiedlichsten Strömungen von Abstraktionismus bis zu Pop-Art nach Norwegen (Gunnar S. Gundersen, Knut Rumohr, Jakob Weidemann).
 
Die Literatur Norwegens entwickelte sich im Mittelalter ausschließlich in mündlicher Form. Sie ist durch norwegische Auswanderer nach Island gebracht worden, wo sie im 13. Jahrhundert schriftlich festgehalten wurde. Anhand dieser Zeugnisse lassen sich die norwegischen Mythen, Sagen und Legenden rekonstruieren. Eine herausragende Stellung nimmt die Prosa-Edda ein, die durch den isländischen Gelehrten Snorri Sturluson aus mehreren Quellen zusammengetragen wurde und als das älteste Zeugnis der norwegischen Literatur gilt. Seit dem 9. Jahrhundert tritt die Skaldendichtung in Erscheinung. Die Skalden waren höfische Dichter, die ihre Darbietungen überwiegend den Mächtigen des Landes vortrugen. Ihre Werke waren Lob-, Liebes- oder Schmähgedichte, in denen auch zeitgenössische Geschehnisse enthalten waren. Der erste bekannte Skalde war der Norweger Bragi Boddason, später verbreitete sich die Skaldendichtung über ganz Skandinavien. Nach der Christianisierung des Landes entstanden religiöse Werke, die vor allem Übersetzungen lateinischer Texte und Predigten, sowie Heiligenlegenden beinhalteten. Im 13. Jahrhundert hielt die höfische Literatur Einzug in Norwegen. Ein bedeutendes Werk dieser Gattung war der Königsspiegel, ein didaktischer Dialog über Sitten und Moral. Im 14. / 15. Jahrhundert gehörten Balladen zum festen Bestandteil der norwegischen Literatur. Während der dänischen Herrschaft stockte die literarische Tätigkeit, die erst im 16. Jahrhundert wieder aufgenommen wurde. Im 17. Jahrhundert erschienen zahlreiche bedeutende Werke, wie zum Beispiel Die Trompete des Nordlandes von Petter Dass. Die norwegische Schriftsteller des 18. Jahrhunderts (Holberg, Wessel, Brun) arbeiteten jedoch weiterhin in Dänemark und trugen entscheidend zur Entwicklung der dänischen Literatur bei. Im 19. Jahrhundert erwachten nationale Tendenzen in Norwegen. Der Dichter und Dramatiker Henrik Arnold Wergeland setzte sich energisch für die Schaffung einer norwegischen Nationalliteratur ein. In den 40-er Jahren des 19. Jahrhunderts verstärkte sich diese Tendenz durch die Überarbeitung und Herausgabe von Volksmärchen (Peter Christian Asbjørnsen und Jørgen Moe) und Volksballaden (Magnus Brostrup Landstad). Die romantische Literatur dieser Zeit (Henrik Anker Bjerregaard und Peter Andreas Munch) zeigte mit idealisierenden Darstellungen des Dorflebens ebenfalls nationalistische Bestrebungen. In der zweiten Hälfte wurde die Literatur durch den Realismus bereichert. Eine besondere Stellung nahmen die Schriftsteller Henrik Ibsen und Bjørnstjerne M. Bjørnson ein, die ihre Gesellschaftskritik mit einem hohen künstlerischen Talent und einer tiefgreifenden philosophischen Analyse vereinten.  Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlangte Norwegen seine Unabhängigkeit, die in der Literatur mit dem Interesse für nationale Themen verbunden war. Durch Verarbeitung historischer Ereignisse des norwegischen Mittelalters konnte Sigrid Undset überragend eine direkte Verknüpfung mit aktuellen Themen (Emanzipation der Frau, Liebe, Religion, Würde) herstellen. Für ihre Trilogie Kristin Lavranstochter erhielt sie im Jahre 1928 den Nobelpreis. In dieser Zeit kam das Interesse zu neuen literarischen Formen auf. Besonders beeindruckend sind die Werke von Tarjei Vesaas und Jan Kjærstad. Europaweit bekannt wurde der norwegische Schriftsteller Jostein Gaarder mit seinem Philosophieroman Sofies Welt, der die Geschichte der Philosophie auf eine verständliche und spannenden Art erläutert. Populär sind ebenfalls die norwegischen Krimis von Karin Fossum, Anne Holt und Jo Nesbø.

Die Entstehung der nationalen norwegischen Musik geht auf die 50-er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. Die Tätigkeit von Ole Bull, Rikard Nordraak und Halfdan Kjerulf bereitete den Boden für die Blüte der Romantik, deren herausragendster Vertreter Edvard Grieg war. Seine Nachfolge traten Johan Svendsen, Christian Sinding und Johan Halvorsen an. Als Begründer der modernen norwegischen Musik gilt Fartein Valen, der mit der Technik der Zwölftonmusik arbeitete und mehrere skandinavische Komponisten beeinflusste. Im Bereich der Jazzmusik gewann Jan Garbarek weltweite Anerkennung. Ebenfalls bekannt wurde die norwegische Popgruppe a-ha mit ihren Hits Take On Me, The Sun Always Shines on T.V., Hunting High And Low u.a.

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