Polen: Kultur

Die Wurzeln der polnischen Kultur liegen im Mittelalter, als die slawischen Völker in die Gebiete des heutigen Polens kamen. Jedoch, auf Grund der Annahme der römisch-katholischen Religion, wurde zunächst Latein als Schriftsprache verwendet. Erst im 11. Jahrhundert entstanden Übersetzungen von kirchlichen Texten, liturgischen Liedern und Heiligenviten. Die weltliche Literatur wurde zunächst durch Chroniken vertreten. Nach dem Chronicon von Gallus Anonymos aus dem frühen 12. Jahrhundert verbreitete sich dieses Genre (Chronica Polonorum aus dem 13. Jahrhundert von Wincenty Kadlubek und die Historiae Polonicae aus dem 15. Jahrhundert von Jan Dlugosz). Später folgten Werke didaktischen Charakters (Meister Polikarps Gespräch mit dem Tode aus dem 15. Jahrhundert) und die Lyrik (Marienlied Bogurodzica aus dem 14. Jahrhundert). Während der Renaissance erweiterte sich das literarische Feld. Neben religiösen und philosophischen Abhandlungen auf Latein wurden auch Dramen, Dialoge und Gedichte geschrieben. Zu den wichtigsten Autoren dieser Epoche zählen Mikolaj Rej und Jan Kochanowski. Am Übergang zum Barock wirkte der Dichter Mikolaj Sep-Szarzynski. Im Barock (Jan Chryzostom Pasek, Wespazjan Kochowski, Wacław Potocki und Jan Andrzej Morsztyn) bekam die dichterische Form eine neue Bedeutung, die sich während der Aufklärung noch verfestigte. Die polnische Aufklärung orientierte sich am französischen Rationalismus und neben der Übersetzung und Bearbeitung ausländischer Werke entstanden auch originelle polnische Komödien und Romane (Franciszek Zablocki, Adam Naruszewicz und Ignacy Krasicki). Franciszek Dyonizy Kniaznin und Franciszek Karpinski betonten das sentimentale Weltbild und das individuelle Gefühlsleben. Die Romantik gilt nicht umsonst als Gipfel der polnischen Literatur. Nach der Veröffentlichung Balladen und Romanzen von Adam Mickiewicz im Jahre 1822 schlossen sich mehrere talentierte Dichter und Schriftsteller (Juliusz Słowacki, Zygmunt Krasiński, Narcyza Żmichowska) der romantischen Bewegung an. Nach 1863 traten realistische Tendenzen in den Vordergrund des literarischen Schaffens. Neben der Sensibilisierung für gesellschaftliche Themen (Bolesław Prus, Maria Konopnicka, Eliza Orzeszkowa) gewann der historische Roman (Henryk Sienkiewicz, Jozef Ignacy Kraszewski) an Bedeutung. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden parallel zum Realismus moderne Strömungen, die bis nach dem 1. Weltkrieg anhielten, wie zum Beispiel Symbolismus, Impressionismus und Neuromantik (Miriam, Kazimierz Tetmajer Przerwa, Jan Kasprowicz, Władysław Stanisław Reymont, Leopold Staff, Julian Tuwim). Nach dem 2. Weltkrieg erlangten die Schriftsteller Tadeusz Różewicz, Czesław Miłosz, Stanisław Lem und Wisława Szymborska internationale Anerkennung.
 
Die polnische Musik ist eine der ältesten und interessantesten Osteuropas. Ihre Anfänge gehen wahrscheinlich auf rituelle heidnische Lieder zurück. Viele Melodien und Tänze überdauerten bis heute (Polonaise, Mazurka, Krakowiak). Seit dem 9. Jahrhundert kam zusammen mit dem Katholizismus der gregorianische Gesang nach Polen, dessen Verbreitung seit dem 11. Jahrhundert durch die Eröffnung von kirchlichen Gesangsschulen gefördert wurde. Im 12./13. Jahrhundert entstanden die ersten Hofkapellen, die auch religiöse oder ritterliche Lieder vortrugen. In der Renaissance wurde die polnische Musik durch Einflüsse aus Westeuropa bereichert. Verstärkt wurden die weltlichen und nationalen Elemente, die auch für die klassische Musik Polens charakteristisch sind. So ließ sich der berühmteste polnische Komponist Frédéric Chopin von den Volksmelodien und Tänzen inspirieren, der mit seinen Klavierstücken die polnische Musik in ganz Europa bekannt machte. Der Komponist Stanislaw Moniuszko war zwar im Ausland weniger bekannt, gilt jedoch als Gründer der polnischen Nationaloper. Im 20. Jahrhundert erlebte die klassische polnische Musik mit Karol Szymanowski, Mieczyslaw Karlowicz und Jozef Koffler einen neuen Höhepunkt. In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Komponisten Krzysztof Penderecki, Witold Lutoslawski et Henryk Gorecki international bekannt. Auch Polens Interpreten (Arthur Rubinstein, Mieczysław Horszowski, Ignacy Jan Paderewski) trugen zur Verbreitung der polnischen musikalischen Kultur bei.
 
Die Malerei in Polen entstand im 11. Jahrhundert als das Christentum Einzug hielt und diente vor allem zur Verschönerung sakraler Gebäude. Es dominierten Wandmalereien mit flächigen Darstellungen und lokalen Farben (Czerwinsk nad Wisla). Während der Frühgotik verstärkten sich realistische Abbildungen und vereinfachte Darstellungen erhielten individuelle Züge. Die Intensivierung des künstlerischen Austausches mit Holland, Russland und Tschechien im 15. Jahrhundert führte zur Bereicherung der polnischen Malerei durch die Einführung von Landschaftsdarstellungen und Genreszenen in die Kompositionen, sowie durch die lebendige Farbgestaltung und die Räumlichkeit der Bilder (Kapelle des Lubliner Schlosses, Krakauer Marienkirche). Die Renaissance in Polen erweiterte sich um die Darstellungen von weltlichen Motiven: Turnieren, Schlachten, Porträts... Zu dieser Zeit erblühte ebenfalls die Miniaturmalerei (Balthasar Beham, Stanisław Samostrzelnik). Die Zeit zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert war durch den Manierismus gekennzeichnet, der von italienischen Künstlern (Tomasz Dolabella) nach Polen gebracht wurde. Die Epoche des Barock griff die Stilmerkmale des Manierismus auf, vereinfachte jedoch die Bildkomposition (Karol Dankwart, Jerzy Siemiginowski, Szymon Czechowicz). Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts war die führende Strömung der polnischen Malerei der Klassizismus. Sie war gekennzeichnet durch ein hohes Ansehen des Porträts, sowie der Zuwendung zu mythologischen und religiösen Themen (Antoni Brodowski, Franciszek Smuglewicz). Mitte des 19. Jahrhunderts gewann der Romantismus an Bedeutung, der vor allem historische Themen beinhaltete (Jan Matejko, Juliusz Kossak). Fast parallel entwickelte sich der Realismus, der neben Landschaftsbildern auch Szenen aus dem alltäglichen Leben behandelte (Gebrüder Gierymski, Franciszek Kostrzewski, Aleksander Kotsis). An der Wende zum 20. Jahrhundert entstanden zahlreiche moderne Strömungen wie z.B. der Impressionismus, der Symbolismus und der Jugendstil (Stanislaw Wyspianski, Jozef Mehoffer, Jacek Malczewski, Wojciech Weiss). Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Malerei deutlich von der Politik beeinflusst und nur wenige Maler arbeiten außerhalb der offiziellen Stilrichtung des sozialistischen Realismus (Tadeusz Kantor, Peter Potworowski, Nikifor).
 
Die Architektur Polens nahm ihren Anfang in der Eisenzeit. Aus dieser Epoche stammen die befestigte Siedlung von Biskupin, die aufwendig nachgebaut wurde und als archäologisches Museum dient und die Gräberfelder von Kietrz mit über 4000 entdeckten Bestattungen. Nachdem die Slawen in die Gebiete des heutigen Polens kamen, errichteten sie hier zahlreiche Siedlungen, die durch Erdwälle und hölzerne Befestigungen geschützt wurden. Reste solcher Siedlungen sind heute bei Breslau, Danzig und Oppeln erhalten geblieben. Ab dem 10. Jahrhundert wurde die Steinbauweise eingeführt. Dies führte zum Bau der ersten Kirchen, wie zum Beispiel die Marienrotunde in Krakau. Seit der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts verbreitete sich die Romanik in Polen (Gnesen, Breslau, Posen). Im 14. Jahrhundert wurde die Romanik durch die Gotik abgelöst. Zu dieser Zeit verwendete man im Norden des Landes überwiegend Backstein (Danzig, Marienburg), im Süden dominierten Kalk- und Backsteingebäude (Krakau, Breslau, Posen) mit Ausnahme der Gebirgsregionen, wo noch Holzkirchen (Debno Podhalanskie, Grywald, Binarowa) errichtet wurden. Während der Renaissance behielt man in der Sakralarchitektur größtenteils noch gotische Grundmauern bei, verschönerte jedoch das Außen- und Innendekor. Der Palastbau hingegen erlebte einen regelrechten Bauboom (Wawelschloss in Krakau, Baranow Sandomierski). Im 17. Jahrhundert war der Barock die beherrschende Stilrichtung. Die barocken Kirchen Polens (Josephskirche in Posen, Peter-und-Paul-Kirche in Krakau) zeichnen sich durch eine reiche Innenausstattung und komplexe Kompositionen aus. In der Palastarchitektur sind Einflüsse von Frankreich sichtbar. In Anlehnung an Versailles entstanden zahlreiche Schlösser als Landresidenzen oder Stadtpaläste (Warschauer Königsschloss, Wilanowpalast, Branicki-Palast in Bialystok). Die Architektur des Klassizismus durchlief in Polen unterschiedliche Phasen, von der eleganten Schlichtheit Ende des 18. Jahrhunderts bis zur pompösen Bauweise Anfang des 19. Jahrhunderts (Börse, Teatr Wielki und Lazienki Schloss in Warschau). Die Architektur des 20. Jahrhunderts ist durch die Funktionalität ihrer Gebäude gekennzeichnet.
 
Das Kino in Polen entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Die ersten Filme waren kurze Dokumentationen. Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Spielfilmproduktion in Polen, die rasch viele Zuschauer gewann, vor allem durch witzige Komödien und ergreifende Melodramen. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Filmhochschule in Lodz gegründet, die für die Entwicklung des polnischen Films eine große Rolle spielte. Weltbekannt sind die polnischen Filmregisseure Andrzej Wajda, Krzysztof Kieślowski, Krzysztof Zanussi, Agnieszka Holland und Roman Polanski.

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