Russland: Gesellschaft

Die russische Bevölkerung im Mittelalter lebte vor allem durch den Handel, der den Menschen in Nowgorod, Kiew und Wladimir zu Wohlstand verhalf. Eine weitere Einnahmequelle war die Eroberung von Nachbargebieten und die Eintreibung von Tributen. Davon konnten auch die Mitstreiter der Großfürsten profitieren. Es bildete sich der Stand der Bojaren heraus, der vergleichbar mit dem Adel in Westeuropa war. Die zweite Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs bestand in der Anhäufung von Landbesitz. Die Großgrundbesitzer wurden ebenfalls Bojaren genannt und bildeten zusammen mit den fürstlichen Bojaren den Bojarenrat. Die Eroberung des größten Teils von Russland durch die Mongolen unterbrach jedoch diese Aktivitäten und das Land musste sich umorientieren. Die Landwirtschaft rückte an die erste Stelle und blieb bis zum 20. Jahrhundert die Haupteinnahmequelle der Bevölkerung. Die Leibeigenschaft verhalf den Großgrundbesitzern zu der einflussreichsten Position in der Gesellschaft. Der Reichtum wurde in Russland nicht nach materiellen Werten bemessen, sondern nach der Anzahl der Leibeigenen.

Im 18. Jahrhundert führte Peter I. der Große eine umfassende Gesellschaftsreform nach westeuropäischem Vorbild durch. Er ersetzte den Bojarenstand durch den erblichen Adel und mit der Förderung von Industrie und Handel erhöhte er das Ansehen des Bürgertums.
 
Nach der Oktoberrevolution 1917 wurden alle gesellschaftlichen Titel abgeschafft, das Privatvermögen enteignet und Ländereien nationalisiert. Es entstand materiell gesehen eine relativ homogene Gesellschaft, wobei die körperlich schweren Arbeiten etwas besser honoriert wurden als intellektuelle Tätigkeiten. Nach dem Zerfall des kommunistischen Regimes erfolgten schmerzhafte gesellschaftliche Veränderungen. Das Ansehen eines Arbeiters sank, verbunden mit weniger Einkünften und fehlender sozialer Absicherung. Für breite Gesellschaftsschichten verlor auch die Bildung an Wert, da ein zeitintensives Studium praktisch keine Aufstiegsmöglichkeiten bot und ein schnelles unternehmerisches Handeln oft zu einem großen Vermögen führen konnte. Es bildete sich eine neue Schicht von immens Reichen mit einem Lebensstandart, der ihnen erlaubt ihr Geld auch in Luxusgüter, Reisen und Vergnügen ausgiebig zu investieren.
 
In der letzten Zeit stabilisierte sich jedoch die Gesellschaft durch marktwirtschaftliche Reformen und Demokratisierung der Politik und der Medien, wobei diese Prozesse bis heute noch nicht abgeschlossen sind.