Schweiz: Kultur

Die Kultur der Schweiz zeigt enge Verbindungen mit der Kunst der benachbarten Länder Deutschland, Frankreich und Italien, wobei sie jedoch ihre nationale Eigenartigkeit beibehielt.
 
Die ersten bedeutenden Meisterwerke der Architektur gehen auf die Epoche der Merowinger (Baptisterium in Riva San Vitale) und Karolinger (Kloster St. Gallen) zurück. Die Bauten der Romanik (Kloster Romainmôtier, Abteikirche Notre-Dame in Payerne, Grossmünster in Zürich) zeigen gemeinsame Züge mit der Architektur der benachbarten Kulturregionen Cluny und Oberitalien. Die Gotik in der Schweiz (Kathedralen in Genf und Lausanne) ist durch die Architektur Nordfrankreichs beeinflusst, ist jedoch schwächer gegliedert und sparsamer dekoriert. Die Architektur der Renaissance ist vor allem in den repräsentativen Patrizierhäusern, zahlreichen Brunnen und vielen Verwaltungsgebäuden sichtbar, wie zum Beispiel das Rathaus von Zürich. Parallel zur Spätrenaissance entwickelte sich der Barock, der sich vor allem auf die Sakralarchitektur auswirkte (Klosterkirche von Sankt Gallen). Ende des 18. Jahrhunderts erreichte der Klassizismus aus Frankreich u.a. mit dem Rathaus von Neuchâtel oder dem Züricher Bahnhof die Schweiz. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Historismus (Schweizerisches Landesmuseum in Zürich) und Ende des 19. Jahrhunderts der Modernismus (Antoniuskirche in Basel). Die Architektur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeichnet sich durch die Verwendung neuer Baumaterialien aus, entweder unter Beibehaltung traditioneller Formen (Universität in Zürich) oder wie beim Funktionalismus (Universität in Bern) durch neuartige Konzeptionen. Der bedeutendste schweizerische Architekt des 20. Jahrhunderts war ohne Zweifel Le Corbusier, der auch international tätig war.
 
Die Literatur der Schweiz ist nicht homogen, sondern wird je nach Sprache in deutsche, französische, italienische und rätoromanische Literatur unterteilt. Außer der rätoromanischen ist jede Sprachregion eng mit der Literatur seines benachbarten Landes verbunden. Die deutschsprachige schweizerische Literatur nahm ihren Anfang im Mittelalter mit Mysterien und Übersetzungen religiöser Texte. Das Hochmittelalter beinhaltete historische Chroniken (Zürcher Chronik), höfische Epik (Ulrich von Zatzikhoven) und den Minnesang (Johannes Hadlaub). Auf diese Zeit geht auch die Entstehung der Legende um Wilhelm Tell zurück, die Friedrich Schiller im 19. Jahrhundert in seinem berühmten Bühnenwerk verarbeitete. Auf schweizerischem Gebiet entstand auch die wichtigste deutschsprachige Liedersammlung, die Manessische Liederhandschrift mit Dichtungen von 140 unterschiedlichen Minnesängern. Zu Beginn der Neuzeit drangen die Ideen der Reformation in die Literatur. Besonders populär waren die religiösen Dramen angesehener Reformatoren wie z.B. Pamphilus Gengenbach und Niklaus Manuel. Der Reformation folgte die Aufklärung mit dem Dichter Albrecht von Hallers, den Literaturkritikern Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger, sowie dem Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi. Die europäischen Strömungen des Romantismus und Klassizismus fanden in der Schweiz keine nennenswerten Vertreter. Mit den Realisten Jeremias Gotthelf, Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer hingegen erlangte die deutschschweizerische Literatur internationale Anerkennung. Gleichermaßen bekannt wurden die Kinderbücher von Johanna Spyri, deren Heidi-Erzählungen in mehrere Sprachen übersetzt und verfilmt wurden. Das 20. Jahrhundert brachte zahlreiche talentierte Schriftsteller hervor, die die gesamte europäische Kultur bereicherten, wie z.B. der Nobelpreisträger Carl Spitteler, Robert Walser, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Eine Besonderheit stellt die Mundart-Literatur in der Schweiz dar, deren wichtigste Vertreter Rudolf von Tavel und Meinrad Lienert sind. Außerdem wurde die sogenannte alpine Romantik als eine Sonderform der Heimatliteratur mit Ernst Zahn, Heinrich Federer und Jakob Christoph Heer verbreitet, die jedoch mit der Zeit in Vergessenheit geriet. Zu den bedeutendsten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur der Schweiz zählen Adolf Muschg, Martin Suter und Paul Nizon.
 
Die französischsprachige Literatur der Schweiz entwickelte sich überwiegend in den Kantonen Genf, Waadt, Neuenburg und Wallis. Der erste bedeutende Schriftsteller dieser Sprachregion war François Bonivard, der während der Reformation wegen seiner Chronik lange im Gefängnis saß. Den höchsten Bekanntheitsgrad erreichte jedoch die schweizerische Literatur mit Jean-Jacques Rousseau, der zu den wichtigsten Vertretern der europäischen Aufklärung zählt. Ebenfalls weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurden Germaine de Staël und Benjamin Constant, die sich der romantischen Bewegung verschrieben. Zur gleichen Zeit wirkte Rodolphe Toepffer, der mit seinen Novellen, Romanen und Bildergeschichten eine enorme Popularität erreichte. Im 20. Jahrhundert erschien eine ganze Reihe von herausragenden Schriftstellern, Charles Ferdinand Ramuz und Henry Spiess in der ersten Hälfte, sowie Blaise Cendrars und Robert Pinget in der zweiten Hälfte.
 
Die italienischsprachige Literatur der Schweiz trat zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Erscheinung als das Tessin zum eigenständigen Kanton aufstieg. Die Anfangszeit der italienischsprachigen Literatur bestimmte Francesco Chiesa, der auch international bekannt wurde. Bedeutende Autoren des 20. Jahrhunderts sind Giuseppe Zoppi, Piero Scanziani, Remo Fasani und Felice Filippini.
 
Die rätoromanische Literatur entwickelte sich seit dem 16. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Kantons Graubünden. Die frühen Werke trugen mit Bibel- und Psalmenübersetzungen religiösen Charakter oder waren epische Dichtungen (Das Lied des Krieges um das Schloss Müss von Gian Travers). In neuerer Zeit bemühten sich die Schriftsteller, die Sprache zu erhalten und zu verbreiten. Sie sammelten und überarbeiteten Volkslieder und Märchen und Schufen neue Werke. Besonders interessant sind die Gedichte von Gian Fadri Caderas, Peider Lansel, Andri Peer und Tresa Rüthers-Seeli.
 
Die ersten Meisterwerke der Malerei entstanden auf dem Gebiet der heutigen Schweiz in der Zeit der Karolinger. Dazu zählen die Miniaturen der Schule von Sankt Gallen und die Fresken des Klosters St. Johann in Müstair, die eine klare Verbindung zur römischen Antike aufweisen. Die Freskenmalerei entwickelte sich weiter. In der Gotik wurden vor allem Sakralgebäude (Galluskapelle Oberstammheim) mit Fresken verziert. Während der Renaissance kam die Verzierung von Stadtpalästen in Mode (Haus zum Ritter in Schaffhausen mit Malereien von Tobias Stimmer). Zur gleichen Zeit kamen Malerei und Grafik auf. In der Schweiz wirkten Niklaus Manuel, Urs Graf der Ältere, sowie die deutschen Maler Hans Holbein der Jüngere und Matthias Grünewald. Im 18. Jahrhundert ragten der Pastellmaler Jean-Étienne Liotard, der Landschaftsmaler Salomon Gessner und die Porträtmaler Anton Graff und Johann Heinrich Füssli heraus. Das 19. Jahrhundert brachte unterschiedliche Schulen hervor. Die akademisch-klassizistische Richtung verfolgte Charles Gleyre, wohingegen Louis Léopold Robert die Ideale der Romantik vertrat, Arnold Böcklin und Ferdinand Hodler arbeiteten im Stil des Symbolismus. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlangten zahlreiche Künstler über die Grenzen der Schweiz hinaus internationale Anerkennung. Gemäß der Zeit wirkten die Künstler dieser Epoche (Alberto Giacometti, Jean Tinguely und Max Bill) genreübergreifend. Die zeitgenössische Kunst der Schweiz mit ihren vielfältigen Ausdrucksformen ist vertreten durch das Künstlerduo Peter Fischli und David Weiss, Franz Gertsch, Sylvie Fleury, Jean Otth und andere.
 
Die Musik der Schweiz kann sich in ihrer Entwicklung auf eine Jahrhunderte lange Tradition der Volksmusik stützen. Eine Besonderheit der schweizerischen Volksmusik ist das Jodeln und das Spiel auf dem Alphorn. Die professionelle Beschäftigung mit der Musik geschah im Hochmittelalter in den Klöstern. Die weltliche Musik trugen zahlreiche Minnesänger an den Höfen vor. Während der Renaissance (Ludwig Senfl) erlangte die Musik einen hohen Stellenwert und seit dem 17. Jahrhundert entstanden in vielen Städten musikalische Vereinigungen (collegium musicum), die der Verbreitung der Musik dienten. Im 19. Jahrhundert erblühte die schweizerische Oper. Nach den erfolgreichen Aufführungen von Wagner übernahmen am Ende des Jahrhunderts die schweizerischen Komponisten (Hans Huber, Othmar Schoeck) die Bühnen der renommierten Opernhäuser. Die zeitgenössische Musik ist äußerst vielfältig. Berühmte Komponisten des 20. Jahrhunderts sind Ernest Bloch, Arthur Honegger, Frank Martin und Roland Moser.

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