Serbien: Kultur

Die Kultur Serbiens gilt als eine der interessantesten der slawischen Völker, die im 6. / 7. Jahrhundert auf die Balkanhalbinsel kamen. Sie entwickelte sich unter dem Einfluss der byzantinischen Kultur. Die ersten Zeugnisse der serbischen Literatur gehen auf die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts zurück und sind mit der Tätigkeit der Brüder Kyrill und Method und ihren Schülern eng verbunden, die die kyrillische Schrift entwickelten und in die Gebiete des heutigen Serbien brachten. Die mittelalterliche Literatur trug überwiegend religiösen und didaktischen Charakter. Zu den herausragenden Werken dieser Zeit gehört das Miroslav-Evangelium aus dem 12. Jahrhundert und die Werke des Heiligen Sava von Serbien, der neben Heiligenviten auch das erste serbische Gesetzbuch verfasste. Einen wichtigen Platz in der mittelalterlichen Literatur nahmen auch heroische Werke ein, die entweder die Herrscher dieser Epoche glorifizierten oder über die Kämpfe gegen die Türken berichteten. Einen herausragenden Beitrag leistete die Nonne Jefimija als erste Lyrikerin Serbiens, die die Lobpreisung des Fürsten Lazar in Form eines Gebets verfasste. Auch der Sohn des Fürsten Lazar Stefan Lazarević ging in die literarische Geschichte ein. Ihm widmete der Philosoph Konstantin Kostenezki seine Vita Stefan Lazarevićs, die ein herausragendes Beispiel der literarischen Biographie darstellt. Stefan Lazarević selbst war nicht nur einer der größten Förderer der serbischen Kultur und Literatur, sondern war auch schriftstellerisch tätig. Von ihm stammt u.a. der Text auf der Marmor-Säule auf dem Amselfeld zu Ehren seines Vaters. Die türkische Eroberung verlangsamte die Entwicklung der serbischen Literatur und erst im 18. Jahrhundert kam es zur Wiedergeburt des literarischen Schaffens. Ein großer Aufklärer dieser Zeit war Dositej Obradović, der in seinen Werken (Leben und Abenteuer, Fabeln, Ratschläge des gesunden Menschenverstandes) auch Erfahrungen aus seinen vielen Reisen verarbeitete. Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelten sich durch den Einfluss Europas zahlreiche literarische Strömungen in Serbien: Klassizismus (Lukijan Mušicki), Empfindsamkeit (Joakim Vujić, Begründer des nationalen serbischen Theaters), Realismus (Jovan Sterija Popović). Am bedeutendsten war jedoch die Romantik (Branko Radičević, Jovan Jovanović Zmaj), die einerseits durch die Ideen von Vuk Stefanović Karadžić über die Erneuerung der serbischen Sprache und andererseits im Einklang mit dem Befreiungskampf gegen die Türken charakterisiert war. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigte sich eine Rückkehr zum Realismus (Simo Matavulj, Jakov Ignjatović, Borisav Stanković), der zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch modernistische Tendenzen ersetzt wurde:

  • Symbolismus: Jovan Dučić, Milan Rakić, Aleksa Šantić,
  • Expressionismus: Miloš Crnjanski, Stanislav Vinaver
  • Surrealismus: Oskar Davičo

Während der Nachkriegszeit folgte ein Teil der Schriftsteller den Forderungen des Kritischen Realismus (Ivan Lalic), andere hingegen entwickelten ihre individuelle Note in der Literatur, wie zum Beispiel Miodrag Pavlovic. Einen herausragenden Beitrag leistete der Autor und Nobelpreisträger Ivo Andric.

Die Musik in Serbien kann auf eine reiche Vergangenheit zurückblicken. Die ältesten musikalische Zeugnisse gehen auf rituelle Lieder und Tanzmelodien der Slawen zurück, die im 7. Jahrhundert auf den Balkan kamen. Seit dem 10. Jahrhundert prosperierte die geistliche Musik, die überwiegend durch die byzantinische Kunst beeinflusst wurde. Im Hochmittelalter verbreitete sich die epische Dichtung, die von umherreisenden Minnesängern an fürstlichen Höfen dargebracht wurde. Die klassische Musik entstand in Serbien erst im 19. Jahrhundert, nicht zuletzt Dank der Tätigkeit des Komponisten Stevan Stojanović Mokranjac, der die europäischen Traditionen mit kirchlicher Musik und Volksmelodien vereinte. Nach dem ersten Weltkrieg erfolgte ein Umschwung in Richtung Modernismus mit den jungen Komponisten Petar Konjovic und Stevan Hristic.

Die serbische Malerei entstand im Mittelalter unter starkem Einfluss der byzantinischen Schule. Die ersten Zeugnisse der Wandmalerei zeichneten sich durch eine hohe Dekorativität mit floralen Mustern und Fabeltieren aus. Im 13. Jahrhundert verwendete man für die Fresken- und Altarbilder überwiegend klare harmonische Farben (Klöster Studenica und Sopoćani). Während der Gotik erblühte die Morava-Schule, die sich durch realistische und psychologische Darstellungen der gemalten Figuren auszeichnete (Klöster Manasija und Kalenić). Die türkische Eroberung Serbiens verlangsamte die Entwicklung der serbischen Malerei. Ende des 17. Jahrhunderts erwachte mit den Barockmalern Nikola Nešković, Dimitrije Bačević, Teodor Kračun und Teodor Ilić Češljar die Ikonenmalerei in Serbien. Zu Beginn des 19. Jahrhundert verbreitete sich der Klassizismus (Arsa Teodorović, Konstantin Danil), dem in der zweiten Hälfte die Romantik folgte (Dura Jakšić). Im letzten Viertel des Jahrhunderts kam der Realismus in Serbien auf (Miloš Tenković, Đorđe Krstić, Paja Jovanović). Die Weiterentwicklung des Realismus zu Beginn des 20 Jahrhunderts führte zur Verbreitung der modernen Malerei, zunächst des Impressionismus (Beta Vukanović, Rista Vukanović) und später des Expressionismus, Fauvismus und Kubismus (Milo Milunović, Nadežda Petrović, Jovan Bijelić, Petar Dobrović, Mario Maskareli u.a.).

Die Architektur Serbiens konnte in ihrer Entwicklung auf antike Vorbilder zurückgreifen. Die ältesten zum Teil erhalten gebliebenen Bauwerke gehen auf die Vorgeschichte zurück (Vinca, Lepenski Vir). Zahlreich sind auch die Reste der antiken und frühmittelalterlichen Bauwerke:

  • Griechisch: Kale-Krševica
  • Römisch: Gamzigrad, Mediana, Sirmium, Singidunum und Viminatium
  • Byzantinisch: Justiniana Prima

Die Architektur des Mittelalters ist vor allem durch Kirchenbauten geprägt, die gleichzeitig byzantinische und romanische Einflüsse aufwiesen (Peterskirche in Novi Pazar, Michaelskirche in Ston, Klöster Đurđevi Stupovi bei Novi Pazar, Sopoćani und Studenica). Während der Gotik entstand im Tal des Flusses Morava eine bedeutende Kunstschule (Klöster Manasija, Ljubostinja und Ravanica, Kirchen von Lazarica und Kalenić). Eine besondere Bedeutung im Spätmittelalter kam der Militärarchitektur zu (Alte Festung in Golubac, Festung Kalemegdan in Belgrad, Festung in Smederevo). Während der osmanischen Eroberung wurden zahlreiche Moscheen (Bairakli Moschee), öffentliche Bäder (Vranje) und Festungen (Festung von Kladovo) errichtet. Verbreitet waren zweistöckige Wohnhäuser mit hervorstehendem oberen Stockwerk. Nach der Befreiung Serbiens dominierte zunächst der barocke Baustil (Kathedrale von Sremski Karlovci, Evangelische Kirche in Novi Sad) und später der Klassizismus (Kathedrale Hl. Michael in Belgrad). Seit dem 19. Jahrhundert wurden vermehrt Elemente der mittelalterlichen Architektur verwendet. Dies schuf die Grundlage für die Verbreitung des Historismus in Serbien (Gellertkirche in Vršac, Kirche Maria Namen in Novi Sad), der in die nationale Variante, den serbisch-byzantinischen Stil mündete (Kathedrale Hl. Sava und Kirche des Hl. Markus in Belgrad, Kirche des Hl. Georg in Oplenac). In der Nachkriegszeit dominierte der Funktionalismus, wobei auch andere Baustile vertreten waren. Zu den interessantesten Gebäuden dieser Epoche zählen das Museum für moderne Kunst oder der Genex-Turm in Belgrad.

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