Tschechien: Kultur

Die Wurzeln der tschechischen Kultur liegen im Mittelalter, als die slawischen Völker in die Gebiete des heutigen Tschechiens kamen. Im Jahre 863 nahm das Land das Christentum an. Dabei waren die Brüder Kyrill und Method als byzantinische Missionare sehr aktiv. Sie entwickelten auch die kyrillische Schrift und schufen die Basis des Altkirchenslawischen. In dieser Sprache sind jedoch nur wenige Werke erhalten, wie z.B. das Kirchenlied Hospodine, pomiluj ny, da sich die lateinische Sprache mehr und mehr durchsetzte. Auf Lateinisch wurden Legenden, Heiligenviten und Chroniken geschrieben. Besonders bedeutend ist die Chronik der Böhmen von Cosmas von Prag. Seit dem 14. Jahrhundert verbreitete sich die tschechische Sprache in der Literatur (Übersetzung des Alexanderepos, die erste gereimte Dalimilchronik, sowie zahlreiche Heiligenlegenden). Mit der Ausweitung der Reformationsbewegung gewann das religiöse Traktat (Jan Hus, Petr Chelčický) an Bedeutung. Es verbreiteten sich ebenfalls Liebeslyrik und satirische Gedichte. Im 16. Jahrhundert wurde auch die Bibel (Kralitzer Bibel von Jan Blahoslav) ins Tschechische übersetzt. Durch den Verlust der politischen Unabhängigkeit im 17. Jahrhundert wurde auch die tschechische Sprache in der Literatur gebremst. Viele Schriftsteller verließen das Land, um ungehindert schaffen zu können. Der bedeutendste Autor dieser Zeit war Jan Komensky, dessen philosophische Schriften, wie zum Beispiel Die sichtbare Welt, zu den populärsten Werken zählten. Erst im 19. Jahrhundert erblühte die tschechische Literatur von Neuem. Im Zuge der Romantik wandten sich die tschechischen Schriftsteller volkstümlichen Motiven und Übersetzungen der europäischen Dichtern zu. Besonders aktiv in dieser Epoche war Josef Jungmann, der nicht nur Werke von Chateaubriand, Milton, Goethe und Schiller übersetzte, sondern er gab auch das erste tschechisch-deutsche Wörterbuch heraus, in dem er die Grundlagen der modernen tschechischen Sprache schuf. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rückte mit den Werken von Božena Němcovás der Realismus in den Vordergrund. Im 20. Jahrhundert erlangte der tschechische Schriftsteller Jaroslav Hašek mit seinem Roman die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk Weltruhm. Ebenfalls berühmt wurden Karel Čapek, Milan Kundera und Václav Havel, der spätere Präsident der Tschechischen Republik. Jaroslav Seifert erhielt als erster tschechischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur.
 
Die tschechische Musik entwickelte sich im Mittelalter einerseits aus den slawischen Volksliedern und andererseits aus der geistlichen Musik der katholischen Messen. Seit dem 13. Jahrhundert überwog die Kirchenmusik, da viele öffentliche Feiern am Hofe, in den Städten und Dörfern von Kirchenliedern begleitet wurden. In dieser Zeit begannen auch wandernde Studenten und Minnesänger mit der Verbreitung volkstümlicher religiöser Lieder, deren Traditionen in der tschechischen geistlichen Musik bis zum 19. Jahrhundert erhalten blieben. Eine weitere wichtige Quelle für die Entstehung der professionellen tschechischen Musik waren die geistlichen Lieder der reformatorischen Bewegung der Hussiten, die auf Grund der einfachen Melodien und verständlichen Texte eine schnelle Verbreitung erfuhren. Einige von diesen Melodien wurden im 19. Jahrhundert während der Nationalen Wiedergeburt der tschechischen Kultur für die Werke des bedeutendsten Komponisten Tschechiens Bedřich Smetana, sowie seinen direkten Nachfolgern Dvořák und Fibich verwendet. Im 20. Jahrhundert erblühte die tschechische klassische Musik. Zu den bekannten Musikern Tschechiens zählen Leoš Janáček, Josef Suk, Bohuslav Martinů und Alois Hába. Das Musikfestival Prager Frühling gilt als eines der wichtigsten Ereignisse des internationalen Musiklebens. Auch die modernen Musikströmungen werden in Tschechien hervorragend vertreten. Besonders in Deutschland berühmt wurden die Pop-Sänger Karel Gott und Helena Vondráčková.
 
Die Malerei in Tschechien wurde am Anfang durch die byzantinische Kultur und später durch das benachbarte Deutschland beeinflusst. Die Buch- (Wischehrader Kodex) und Wandmalereien (Rotunde der St.-Katharina in Znojmo, Emmauskloster in Prag) des 12. / 14. Jahrhunderts zeichnen sich durch vereinfachte Formen aus. Während der Gotik erblühte die religiöse Malerei. In dieser Zeit wurden mehrere hervorragende Altarbilder (Leitmeritzer Altar, Hohenfurther Altar, Wittingauer Altar) geschaffen, deren Meister überwiegend anonym blieben. Eine Ausnahme bildet Theoderich von Prag, der Hofmaler des römisch-deutschen Kaisers Karl IV. Während der Renaissance kamen zahlreiche italienische, niederländische und deutsche Maler nach Tschechien, andererseits gingen wiederum viele tschechische Maler (z.B. Karel Škréta) ins Ausland, um neue Techniken zu erlernen. Auch die Barockmaler Johann Kupetzky, Johann Christoph Lischka und Wenzel Hollar wirkten in anderen Ländern. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreiteten sich der Klassizismus und der Romantismus, die jedoch in Tschechien durch realistische Züge (Antonín Mánes, Karel Postl, Adolf Kosárek, Josef Navrátil, Josef Mánes) bereichert wurden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert dominierte der Realismus mit z.B. Werken von Antonín Chittussi und Karel Purkyně. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelten sich in Tschechien zahlreiche moderne Strömungen der europäischen Malerei. Besonders umfangreich war der Impresionismus mit Antonín Slavíček, der Symbolismus mit Jan Preisler, die Jugendstilmalerei mit Mikoláš Aleš und Alfons Mucha, sowie der Kubismus mit Bohumil Kubišta.

Die Anfänge der tschechischen Architektur gehen auf die Besiedelung der Gebiete durch die slawischen Völker zurück, die ihre Siedungen mit einfachen Holzbefestigungen umgaben, wie zum Beispiel in der ersten Bauphase der Prager Burg. Im 9. / 10. Jahrhundert entwickelte sich die Steinbauweise, sowohl bei der Militärarchitektur, als auch bei den sakralen Bauwerken. Die ersten Kirchenbauten folgten zunächst byzantinischen und später karolingischen Vorbildern (Basilika des Hl. Georg und Rotunde des Hl. Veit in Prag). Seit dem 11. Jahrhundert setzte sich die Romanik durch. Es wurden hauptsächlich Burgen (Primda Pfraumberg) und Klöster (Teplá, Třeboň) gebaut. Mitte des 13. Jahrhunderts entwickelte sich die Gotik in Tschechien. Neben sakralen Bauwerken (Veitsdom in Prag, Klosterkirche Vyšší Brod, Kirche Hl. Barbara in Kutná Hora, Kloster Goldene Krone) wurden auch zahlreiche Profanbauten (Steinbrücke in Pisek, Karlsbrücke und Pulverturm in Prag, sowie zahlreiche Wohnhäuser) und Burgen (Horšovský Týn, Zvikov, Křivoklát, Karlštejn) errichtet. Seit dem 16. Jahrhundert wurden die gotischen Formen mit Renaissance-Elementen kombiniert. Die Hausfassaden bekamen Sgraffiti-Verzierungen (Telč, Tábor, Prachatice), mächtige Burgen wurden durch den Bau von Galerien, Sälen oder Loggien in bequeme Schlösser ungebaut. Die neuen Schlösser (Belvedere, Palais Schwarzenberg und Lustschloss Hvězda in Prag) wurden in reinem Renaissance-Stil errichtet. Das Zeitalter des Barocks fiel in Tschechien mit einem gesellschaftlichen Umbruch zusammen. Durch die Gegenreformation gelangte der katholische Adel zu großem Reichtum, den er in repräsentative Gebäude und Paläste (Waldsteinpalais, Palais Czernin und Schloss Troja in Prag) investierte. Die erstarkte katholische Kirche zeigte durch zahlreiche Neubauten ihre Präsenz. Die Kirchen St. Maria de Victoria, St. Ignatius und St. Nikolaus in Prag, die Marienkirche in Hradec Králové, sowie die Jesuitenkirche in Klatovy sind Beispiele aus dieser Zeit. Nach der regen Bautätigkeit während des Barocks, wurden im Klassizismus nur wenige, aber sehr eindrucksvolle Gebäude (Schloss Kačina, Ständetheater in Prag) errichtet. Im 19. Jahrhundert beherrschte der Historismus die Architekturentwicklung in Tschechien. Besonders verbreitet war die Neurenaissance (das Nationaltheater und das Nationalmuseum in Prag). Tschechien ist ebenfalls für seine moderne Architektur berühmt. Der Jugendstil zeigt sich beim Hauptbahnhof und dem Repräsentationshaus in Prag, der Kubismus beim Kaufhaus „Haus der schwarzen Mutter Gottes“. Die außerordentliche interessante Wohngebäudearchitektur der Moderne wird durch die Villa Tugendhat und die Villa Müller repräsentiert.

Tags: