Ungarn: Kultur

Die ungarische Kultur kann auf reiche Traditionen zurückgreifen, ist jedoch auf Grund der sprachlichen Isolierung relativ wenig in Europa bekannt. Nur wenige Künstler aus Ungarn erlangten Weltruf.
 
Die ersten Zeugnisse der ungarischen Literatur sind religiöse Texte aus dem 13. Jahrhundert, die auf Latein verfasst wurden (Heiligenviten, Bibelkommentare, liturgische Hymnen oder Grabreden, wie zum Beispiel Halotti beszed). Früh entwickelte sich auch die historiografische Literatur (Gesta Hungarorum), gefolgt von der Lyrik (Altungarische Marienklage aus dem 14. Jahrhundert). Im 15. Jahrhundert verbreiteten sich Werke in ungarischer Sprache. Das erste schriftliche Zeugnis ist die Bibelübersetzung der hussitischen Prediger Tamas Pecsi und Balint Ujlaki. Während der Renaissance erblühte die weltliche Literatur. Zu den herausragenden Vertretern dieser Zeit zählt der erste eigentliche Dichter der ungarischen Sprache Balint Balassa, der außer Liebesgedichten auch ein Theaterstück Schöne ungarische Komödie schrieb. Aus dieser Epoche stammen auch die Werke von Sebastian Tinodi, Miklos Zrinyi und Istvan Gyöngyösi, die zur Entstehung der ungarischen Literatursprache beitrugen. Die Machtübernahme durch die Habsburger wirkte sich negativ auf die ungarische Literatur aus. Latein wurde wieder als offizielle Literatursprache eingeführt und nur wenige Schriftsteller verfassten ihre Werke auf Ungarisch. Dazu gehört der erste Prosa-Autor Kelemen Mikes. Ende des 18. Jahrhunderts zeichnete sich die Wiederbelebung der ungarischen Literatur ab. Es erschienen Zeitungen und Zeitschriften auf Ungarisch. Die philologische Gesellschaft mit Ferenc Kazinczy setzte sich zum Ziel, die Sprache zu reformieren. Neben Übersetzungen der klassischen europäischen Autoren, erweiterten sie den ungarischen Wortschatz und reglementierten die Grammatik. Eine Reihe junger Schriftsteller und Dichter (Sandor Petöfi, Sandor Kisfaludy, Karoly Kisfaludy, Miklos Josika) wandte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend nationalen Themen zu und ließ sich von den Werken berühmter europäischer Autoren inspirieren, wie zum Beispiel von Petrarca, Schiller und Walter Scott. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts verlangsamte sich die literarische Entwicklung in Ungarn. Jedoch auch zu dieser Zeit erlangten einige Autoren (Mor Jokai, Imre Madach, Kalman Mikszath) große Popularität. Den Übergang zum 20. Jahrhundert markierten der Romantismus und der Realismus. Es gelang mehreren Schriftstellern (Ferenc Molnar, Sandor Brody, Jolan Földes) europäische Bekanntheit zu erlangen. Der Dichter Endre Ady brachte den Symbolismus in die ungarische Literatur, der viele Nachfolger unter den jungen Dichtern (Mihaly Babits, Dezso Kosztolanyi) fand. Nach dem 2. Weltkrieg verließen zahlreiche Schriftsteller das Land, brachen jedoch die Verbindung zu Ungarn nicht ab, wie z.B. der berühmte Autor Sandor Marai, der lange Zeit in Amerika lebte und trotzdem auf Ungarisch schrieb. Die in ihrem Vaterland gebliebenen Schriftsteller litten oft unter der Intoleranz des kommunistischen Regimes und traten für die schöpferische Freiheit ein, wie z.B. Tibor Dery. Der erste ungarische Nobelpreisträger für Literatur war Imre Kertesz.
 
Die Geschichte der ungarischen Musik stellt eine einzigartige Synthese aus traditioneller Volksmusik, gregorianischen Chorälen, Musik der Roma und türkischen Einflüssen dar. Die Adelshäuser trugen entscheidend zur musikalischen Entwicklung bei, in dem sie eigene Kapellen und Chöre unterhielten. Berühmt war der Fürst Esterhazy, der fast 30 Jahre den österreichischen Komponisten Joseph Haydn beschäftigte. Ende des 18. Jahrhunderts entstand die Tanzmusik Verbunkos, die in Ungarn eine weite Verbreitung fand und auch ausländische Komponisten (Mozart, Beethoven, Berlioz) inspirierte. Im 19. Jahrhundert wurde der Verbunkos die Basis für den ungarischen Romantismus. Auch die erste ungarische Oper Belas Flucht von Jozsef Ruzitska geht auf die Rhythmen dieses Tanzes zurück. In der Folge verstärkten sich die nationalen Tendenzen in der Musik, nicht zuletzt Dank der aktiven Tätigkeit von Ferenc Erkel und Franz Liszt, die an der Gründung der Akademie der Musik beteiligt waren. Anfang des 20. Jahrhunderts erlangten die Komponisten Imre Kalman und Franz Lehar europaweite Bekanntheit mit ihren Operetten. Der bedeutendste Komponist dieser Epoche neben Zoltan Kodaly, Ernst von Dohnanyi und Paul Abraham war jedoch Bela Bartok, der die Moderne in Ungarn einläutete.
 
Die Malerei als ein selbständiges Genre entwickelte sich in Ungarn Ende des 14. Jahrhunderts. Besonders unter König Matthias Corvinus erlebten die Künste einen Aufschwung. Er lud zahlreiche italienische Maler nach Ungarn ein, die die Kultur der Renaissance verbreiteten. Auch die Buchmalerei dieser Epoche zeichnete sich durch eine reiche Ornamentik aus. Die türkische Herrschaft verlangsamte die Entwicklung der ungarischen Malerei. Seit Ende des 17. Jahrhunderts unterstand die Malerei österreichischen Einflüssen, die durch die Verbreitung des Barock gekennzeichnet war. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts markierte Adam Manyoki den Anfang der ungarischen Porträt-Kunst. In der Malerei des ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts trafen klassizistische Züge auf Romantismus und Biedermeier (Karoly Marko der Ältere, Miklos Barabas, Jozsef Borsos). Mitte des Jahrhunderts trat die historische Malerei in Erscheinung (Viktor Madarasz, Bertalan Szekely). In der Grafik Ungarns wurde Mihaly Zichy international bekannt. Seit Ende der 60-er Jahre des 19. Jahrhunderts spielte die realistische Genremalerei eine große Rolle, deren wichtigster Vertreter Mihaly Munkacsy war. Außerdem berühmt wurden u.a. Laszlo Paal, Pal Szinyei Merse und Sandor Bihari. Am Anfang des 20. Jahrhunderts führte die Künstlerkolonie Nagybanya mit den Malern Ferenczy Karoly, Hollosy Simon, Ivanyi Grünwald Bela, Reti Istvan und Thorma Janos die Traditionen der ungarischen Malerei weiter. In den 20-er/30-er Jahren zeigte sich ein Aufschwung der ungarischen modernen Malerei (Kohan György, Nagy Istvan, Jozsef Rippl-Ronai, Por Bertalan...). Mit der faschistischen Diktatur in Ungarn verließen viele Maler das Land und arbeiteten außerhalb ihrer Heimat (Victor Vasarely, Laszlo Moholy-Nagy, Sandor Bortnyik). Nach dem 2. Weltkrieg dominierte der sozialistische Realismus in Ungarn (Tibor Duray, Ignac Kokas, Ferenc Martyn).
 
Die ältesten Zeugnisse der Architektur auf dem Gebiet des heutigen Ungarn gehen auf die römische Antike zurück. Auf dem Territorium von Budapest sind noch Reste von Aquincum, der ehemaligen Hauptstadt der römischen Provinz Pannonia Inferior erhalten geblieben. Die Bauten des 9. Jahrhunderts (z.B. das Höhlenkloster auf der Halbinsel Tihany) zeichnen sich durch niedrige Decken und Pfeilern aus grob behauenen Steinen aus. Im 11. Jahrhundert wurden die ersten Gebäude in romanischem Stil errichtet (Kirchen in Pecs, Jak, Zsambek und Lebeny). Ende des 13. bis zum 15. Jahrhundert dominierte im Kirchenbau der gotische Baustil (Matthiaskirche in Budapest, St. Georgskirche in Nyirbator). Zur gleichen Zeit werden in Ungarn zahlreiche Burgen (Burg von Sümeg, Hochburg von Visegrad, Budaer Burg) mit hohen Mauern und mächtigen Türmen errichtet. Während der Renaissance erblühte die Zivilarchitektur, besonders in Buda und Visegrad herrschte eine rege Bautätigkeit (königliche Residenzen mit Innenhöfen und Parks). Seit Ende des 17. Jahrhunderts dominierte der Barock (Esterhazy-Palat in Fertöd, Schloss in Rackeve, Abteikirche in Tihany, Kirche in Pest). In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam der Klassizismus auf (Nationalmuseum in Pest), der durch den Historismus abgelöst wurde (Oper, Parlament in Budapest). Am Übergang zum 20. Jahrhundert wurden mehrere Gebäude im Jugendstil errichtet (Kunstgewerbemuseum in Budapest). Unter den modernen Baustilen ist vor allem die Bauhausarchitektur vertreten.

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