Weißrussland: Kultur

Die ersten Städte auf dem Gebiet des heutigen Weißrusslands gehen auf das 9. / 10. Jahrhundert zurück. Sie stellten eine Siedlung dar, die meistens von Holzbefestigungen umgeben war, um die Bevölkerung vor Überfällen zu schützen. Da Weißrussland zwischen Kiewer Rus und Baltikum lag, waren diese Gebiete ständig umkämpft.
 
Mit der Verbreitung des Christentums wurden zahlreiche Kirchen nach byzantinischer Tradition erbaut. Die älteste war die Sophienkathedrale in der ersten Stadt Weißrusslands Polazk und wies eine Ähnlichkeit mit den Kathedralen in Konstantinopel, Kiew und Nowgorod auf. Leider wurde sie im 18. Jahrhundert durch ein moderneres Gebäude ersetzt. In der Literatur des 12. Jahrhunderts dominierten christliche Motive. Der bedeutendste Schriftsteller dieser Zeit Kyrill von Turaw setzte Gebete und theologische Abhandlungen in eine meisterhafte Form. Berühmt sind ebenfalls seine Gedichte und Lieder.
 
Seit dem 13. Jahrhundert, auf Grund mangelnder Steinvorkommen, wurde Backstein als Bausubstanz verwendet, wie zum Beispiel ein Wehrturm in Kamjanez oder die Burg von Lida zeigen. In der Zeit vom 14. bis 16. Jahrhundert wurde Weißrussland von mehreren Kriegen mit Germanen, Tataren und Russen heimgesucht. Dies führte zu enormen Verwüstungen und unterbrach die Entwicklung der Künste im Land. Erst Ende des 16. – Anfang des 17. Jahrhunderts kam Weißrussland zur Ruhe und konnte sich wirtschaftlich und kulturell entwickeln. Die Renaissance-Ideen eröffneten neue Stilrichtungen in der weißrussischen Dichtung (Skaryna u.a.). In der Architektur wurden zahlreiche Backsteingebäude zunächst im gotischen (Synkawitschy), später im Barock-Stil (Hlybokae) errichtet und mit einem traditionellen zweifarbigen Muster versehen.
 
Im frühen 18. Jahrhundert drangen westeuropäische Strömungen in die weißrussische Kultur. Die wehrhafte Architektur wurde durch prunkvolle Palastanlagen mit herrlichen Gärten ersetzt. Ende des 18. Jahrhunderts fiel Weißrussland an das russische Imperium, was auch in der Kunst durch die vorherrschende Stellung des Klassizismus (Minsk, Homel, Retschiza) begleitet wird. Mit dem sukzessiven Ankommen des russischen Adels wurde diese Stilrichtung von Petersburger Architekten beim Bau der Privatpaläste und öffentlichen Gebäude eingeführt. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts drang aus Europa über Russland ein neuer Stil des Historismus, der die gotische, byzantinische oder Renaissance-Architektur nachahmte (Pastawy, Waukawysk, Wizebsk).
 
Während der sowjetischen Periode entwickelten sich die Künste unter dem Einfluss der kommunistischen Ideologie. In der Anfangszeit wurden die Künstler von einer tiefgreifenden Umbruchstimmung erfasst und wagten neue Experimente in der Kunst. Zunächst unterstützte die neue Macht die avantgardistischen Kunstschaffenden. Marc Chagall lud u.a. Kasimir Malewitsch und El Lissitzky nach Weißrussland ein, die frische Impulse in der Kultur gaben. Diese Periode war jedoch nur von kurzer Dauer. Mit der Verbreitung der Politisierung der Kunst verließen viele Künstler das Land. Der Kultur wurde nur eine Stilrichtung zugebilligt, der Kritische Realismus. In der Literatur zeigte er sich durch die positive Darstellung der sowjetischen Errungenschaften, in der Malerei durch Portraits von Arbeiter und Bauern und in der Architektur durch typisierte Projekte mit pragmatisch und funktional angelegten Gebäuden.
 
Heute bettet die weißrussische Kultur eindrucksvoll ihre Traditionen in moderne Kunstformen ein, wodurch eine harmonische Symbiose zwischen Volkskunst und Modernität entsteht.